Juan Carlos Galeano
Die Augen der Pflanzen
Der uralte Wunsch, uns in andere Wesen zu verwandeln, erlaubt es uns jetzt, den mikroskopischen Körper heiliger Pflanzen zu spüren. Jill Pflugheber und Steven F. White haben die Weisheit der Indianer, mit den Augen der Pflanzen zu sehen, erhört und präsentiert. Wo die kalte Wissenschaft versagt hat, die Natur zu verstehen, bieten diese Künstler-Wissenschaftler eine Antwort, die die Grenzen zwischen Labor und Zeremonie überwindet und zelluläre Universen offenbart, die vor spirituellem Leben pulsieren.
Jedes konfokale Bild zeigt uns, dass Pflanzengeister existieren, auch wenn unsere gewöhnlichen Augen sie nicht wahrnehmen können, und sie fungieren als Fenster zu unsichtbaren Verbindungen, die schon immer bestanden haben. Ayahuasca verwandelt sich in kosmische Portale, denn auch Pflanzen beobachten uns, wenn wir glauben, sie zu beobachten. Pflanzen und Menschen erkennen sich gegenseitig. In der Vergangenheit sahen wir ein solches Erkennen in der modernen abstrakten Kunst, die zeigte, dass die Maler in der Lage waren, die Geheimnisse der Flora neu zu interpretieren, bevor sie ihre mikroskopischen Feinheiten kannten. Pflugheber und White ermöglichen es uns, diese zellulären Lieder auch mit den Augen zu hören.
Pflanzen wurden geboren, um zu fühlen, nicht um wissenschaftlich analysiert zu werden. Pflanzen funktionieren als Meister, wenn sie in jeder Zelle eine vollständige Kosmogonie enthalten. Wenn unsere Gedanken zu Pflanzen werden, können wir endlich die unendliche Schönheit betrachten, die in ihren mikroskopischen Formen wohnt. In Zeiten der planetarischen Krise bietet der Mikrokosmen eine visuelle Medizin, die wie eine Morgenbrise in der Gegenwart wirkt. Während viele Menschen in Unkenntnis der inneren Flüsse leben, die sie bevölkern, lädt uns Mikrokosmen ein, auch unsere innere Pflanzenvielfalt zu entdecken.
Die Website verwandelt sich in einen zeremoniellen Raum, in dem natürliche Elemente die Möglichkeit haben, unsere Körper durch den Bildschirm zu berühren. Ihr Beitrag bestätigt, dass die eingesetzte Technologie in Verbindung mit der empfindungsfähigen Natur ebenso heilig ist wie die durch das Konfokalmikroskop abgebildeten Pflanzen. Pflugheber und White haben Türen geöffnet, in denen Wissenschaft und Spiritualität tanzen.
Juan Carlos Galeano, Professor am Fachbereich für moderne Sprachen und Linguistik der Florida State University und Autor von:
Yakumama (and Other Mythical Beings). Iquitos, Perú: Editorial Tierra Nueva, 2014. (Poesie)
Historias del viento. Ibagué, Colombia: Editorial Caza de Libros, 2013. (Poesie)
Amazonia y otros poemas. Bogotá, Colombia: Universidad Externado de Colombia, 2011. (Poesie)
Folktales of the Amazon. Trans. Rebecca Morgan and Kenneth Watson. Westport, CT, London: Libraries Unlimited, 2009. (Volksmärchen)
The Trees Have a Mother (Co-Produzent und Co-Regisseur) Princeton, NJ: Films for the Humanities/Sciences, 2008. (Dokumentarfilm, Farbe, 70 Min.)
